“Warum noch 100 €/Monat an Notion zahlen? Ich hab mir das in einem Wochenende selbst gebaut.”
Klingt befreiend. Klingt nach Kontrolle. Klingt nach jemandem der die Zusammenhänge verstanden hat.
Ist meistens Quatsch.
Was an der These stimmt
Claude Code ist ein brutales Werkzeug. Ich nutze es täglich. Dinge, für die ich früher Tage gebraucht habe, entstehen heute in Stunden. Das ist keine Übertreibung, das ist mein Alltag.
Und ja: theoretisch kann man fast alles selbst bauen. Ein einfaches Notiz-Tool. Ein internes Dashboard. Einen CSV-Importer. Für jemanden der programmieren kann und weiß was er tut, ist KI ein massiver Hebel.
Aber zwischen “man kann” und “man sollte” liegt ein Graben, über den diese These routinemäßig hinwegspringt.
Was die These verschweigt
Ein UI der gut aussieht und grundlegend funktioniert, ist schnell gebaut. Wirklich. Das ist der Teil den alle sehen, der Teil der in Screenshots gut aussieht, der Teil nach dem man sagt: “Siehst du? Geht doch.”
Das Problem fängt dahinter an.
Authentifizierung die wirklich sicher ist. Rate Limiting damit dein Endpunkt nicht innerhalb einer Stunde abgeschossen wird. Fehlerbehandlung wenn eine externe API mitten in der Nacht abraucht. Datenbankmigrationen wenn sich das Schema ändern muss ohne dass Daten verloren gehen. Background Jobs die zuverlässig laufen, auch wenn der Server kurz schluckt. Backups. Monitoring. Alerting wenn etwas schiefläuft.
Das ist kein Hexenwerk. Aber es ist auch kein Prompt. Es sind Entscheidungen, die jemand bewusst treffen muss, der versteht warum er sie so trifft.
Die meisten werden eben nicht die Nacht durchpromten und Edge Cases fixen und rausfinden, warum der API-Call gerade nicht geht. Die meisten wollen ihr Zeug erledigt haben. Das ist kein Vorwurf, das ist eine völlig vernünftige Haltung.
Was hinter SaaS-Preisen steckt
Hinter jedem SaaS-Tool das du heute nutzt, stecken Jahre Engineering, ein Sicherheitsmodell das bewusst entworfen wurde, Compliance-Arbeit die du nicht siehst aber brauchst, und ein Team das Incidents bearbeitet während du schläfst.
Du zahlst nicht für die Funktion. Du zahlst für die Infrastruktur drum herum. Für die Fehler, die andere schon gemacht haben. Für die Zeit die du nicht investieren willst oder kannst.
Das ist ein Trade-off. Für die meisten Unternehmen ist er der richtige.
Gibt es SaaS-Tools die überteuert und unterdurchschnittlich sind? Absolut. Den Müll abschneiden lohnt sich. Aber “alles selbst bauen weil KI das jetzt kann” ist keine Strategie. Es ist ein Gedankenexperiment, das beim ersten ernsthaften Produktionsproblem endet.
Der eigentliche Irrtum
Ein vibegecoder Prototyp ist kein Produkt.
Das klingt hart, ist aber wichtig. Ein Prototyp zeigt ob eine Idee funktioniert. Ein Produkt läuft zuverlässig, skaliert, hält Daten sicher und ist wartbar wenn in sechs Monaten jemand ein Feature ändern will.
KI macht Prototypen schneller und billiger als je zuvor. Das ist fantastisch. Das senkt die Hürde Ideen zu testen massiv.
Aber KI senkt nicht die Hürde Software zu verstehen. Und wer nicht versteht was da läuft, kann es nicht absichern, nicht debuggen wenn es bricht, und vor allem nicht einschätzen wann die KI, selbstsicher wie immer, gerade falsch liegt.
Die Lücke zwischen Prototyp und Produkt ist nicht kleiner geworden. Sie ist vielleicht sogar größer, weil Prototypen jetzt so einfach entstehen, dass noch mehr Menschen glauben, sie hätten schon eins.
Was tatsächlich sinnvoll ist
KI als Werkzeug nutzen: ja, unbedingt. Prozesse automatisieren, interne Tools für den eigenen Gebrauch bauen, schnell testen ob eine Idee trägt, da stimmt die Rechnung.
SaaS für kritische Prozesse durch selbst gebaute Systeme ersetzen, nur weil es theoretisch geht: nein. Nicht wenn echte Daten, echte Nutzer und echtes Geld im Spiel sind.
Software ist Handwerk. Werkzeuge machen Handwerker schneller. Sie ersetzen nicht das Verständnis dafür was man da eigentlich baut.
In 20+ Jahren Webentwicklung habe ich zu viele Systeme gesehen die “funktionieren”, bis sie es nicht mehr tun. Meistens war das kein Problem mit dem Code. Meistens war es ein Problem damit, dass niemand wusste was der Code eigentlich macht.
Kommentare